Ausgabe № 14 · Mai 2026
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Sauerteig · 11 min

Sauerteig-Anstellgut führen — die saubere Mai-Routine 2026

Ausgabe № 14, Mai 2026. Warum das Anstellgut jetzt täglich gefüttert werden will, was die pH-Sonde wirklich verrät — und der Mythos vom 100-jährigen ASG.

Sauerteig-Anstellgut führen — die saubere Mai-Routine 2026
Sauerteig 15.05.2026

Das Anstellgut, kurz ASG, ist der Kern jeder Sauerteig-Backstube. Es ist die mikrobiologische Wohngemeinschaft aus Milchsäurebakterien — überwiegend Lactobacillus sanfranciscensis, L. brevis, L. plantarum — und wilden Hefen, allen voran Kazachstania humilis. Diese Kultur lebt im Glas, sie schläft im Kühlschrank, sie erwacht beim Auffrischen. Und im Mai, wenn die Küchen wieder gleichmäßig auf 22 bis 24 °C einpendeln, beginnt für viele Heim- und Hobby-Bäckerinnen die Auffrischungs-Saison. Wir backen häufiger, das ASG wird häufiger gebraucht, die Routine darf jetzt wieder enger werden.

Die Basis: 1 : 1 : 1, Roggen-Vollkorn, 24 °C

Die saubere Mai-Routine beginnt am Morgen. ASG aus dem Kühlschrank (4 °C) holen und 60 Minuten akklimatisieren lassen. Dann wird im Verhältnis 1 : 1 : 1 aufgefrischt: 20 g ASG, 20 g Roggen-Vollkornmehl Type 1370, 20 g Wasser bei 30 °C. Wer eine stärkere Population braucht, geht auf 1 : 2 : 2 oder 1 : 5 : 5 — je mehr frisches Mehl, desto langsamer reift die Kultur. Die Mischung wandert in ein hohes Schraubglas (Deckel nur lose auflegen, das Gas muss entweichen), und das Glas stellt sich an einen Ort mit stabilen 24 °C. Auf der Heizung im Mai oft zu warm, auf der Fensterbank zu schwankend — die Küchenarbeitsplatte zwischen Kühlschrank und Wand ist meist ideal.

Nach 4 bis 6 Stunden ist das ASG voll. „Voll” heißt: das Volumen hat sich verdoppelt, an der Oberfläche steht eine kuppelartige Wölbung mit gleichmäßigen Bläschen, die Mitte wirkt leicht eingefallen, wenn man das Glas schwenkt. Genau in diesem Moment ist die mikrobielle Aktivität am höchsten. Wer jetzt ein Stück abnimmt und in den Hauptteig gibt, arbeitet mit voller Triebkraft.

Die pH-Sonde — das ehrlichste Werkzeug der Backstube

Optisch lässt sich der Reife-Punkt schätzen, präzise lässt er sich nur messen. Eine Einstech-pH-Sonde mit Lebensmittel-zugelassener Elektrode — etwa die Hanna HI98103 oder die Apera PH60 für rund 40 bis 60 Euro — gehört für ernsthafte Sauerteig-Arbeit auf die Arbeitsplatte. Vor jeder Messung kurz mit destilliertem Wasser spülen, in das ASG einstechen, 20 Sekunden warten.

Die Zielwerte für ein voll reifes Roggen-ASG: pH 3,8 bis 4,2. Ergänzend lässt sich der Säuregrad nach Schade bestimmen (Titration mit 0,1 N Natronlauge gegen Phenolphthalein als Indikator); ein gut geführtes Roggen-ASG erreicht Säuregrade von SG 12 bis 14. Wer noch einen Schritt weitergeht, misst zusätzlich die Temperatur der Kultur — eine ASG-Selbsterwärmung von 1 bis 2 °C über Raumtemperatur ist ein zuverlässiges Zeichen für aktive Fermentation.

Wenn das ASG aus dem Tritt kommt

Vergessen, mehr als 14 Tage im Kühlschrank: Hier trennt sich oft ein graubrauner Flüssigkeitsfilm („Sauerteig-Hooch”) oben ab. Solange keine farbigen Verfärbungen (rosa, grün, schwarz) und kein muffiger Geruch auftreten, ist das ASG zu retten. Hooch abgießen, zwei aufeinanderfolgende Auffrischungen 1 : 5 : 5 im Abstand von 12 Stunden, dann ist die Kultur in der Regel wieder vital.

Überreif, pH unter 3,5: Das ASG schmeckt scharf-essig­sauer, riecht nach Aceton. Hier dominiert die Essigsäure-Produktion (anaerobe Stoffwechselwege der Hetero­fermenter, oft ein Hinweis auf zu wenig Sauerstoff oder zu lange Stand­zeit). Ein 1 : 10 : 10-Ansatz mit frischem Wasser und Mehl bei 26 °C hilft, die Milchsäure-Linie wieder zu stärken.

Unterreif, pH über 4,5: ASG schmeckt fad, treibt schwach, die Kuppel bildet sich nicht aus. Häufige Ursachen: zu kalte Umgebung, zu altes Mehl, zu kurze Standzeit. Hier helfen 30 °C Wassertemperatur und eine längere Reifedauer (8 bis 10 Stunden). Wer ein Mehl mit besonders niedriger Enzymaktivität verwendet — Bio-Mehle aus Kalt­vermahlung können hier auffällig sein —, kann mit 5 % Roggen-Vollkorn-Schrot beifüttern.

Der Mythos vom 100-jährigen ASG

In Bäcker-Foren kursieren rührende Erzählungen von Familien-ASGs, die seit der Großmutter ununterbrochen geführt werden. Schön. Mikrobiologisch aber ist die romantische Vorstellung einer ununterbrochenen Originallinie nicht haltbar. Wer eine Sauerteig-Kultur kontinuierlich auffrischt, ersetzt das Mehl alle 24 Stunden vollständig. Damit kommen permanent neue Mikroorganismen — vor allem aus dem Mehl, das jedes Bio-Mehl trägt eine eigene Hefeflora ins Glas — und verdrängen die alten Populationen.

Die Studie von Reese et al. (2020, mBio) hat 500 Sauerteige aus 17 Ländern sequenziert und gezeigt: nach 6 bis 8 Wochen kontinuierlicher Auffrischung dominieren die Mikroorganismen aus Mehl und Bäckerhaut, nicht jene aus dem Ausgangs-ASG. Das macht den Sauerteig nicht weniger wertvoll. Es macht ihn nur ehrlicher. Was eine Familie wirklich weitergibt, ist nicht die Bakterienlinie — es ist die Pflege-Routine. Und die ist das, worauf es ankommt.

Routine-Plan für den Mai

Wir empfehlen in der aktuellen Ausgabe folgende drei Stufen:

Wer 2-mal pro Woche backt: ASG bei 22 bis 24 °C Raumtemperatur in einem hohen Schraubglas führen, einmal täglich morgens 1 : 1 : 1 auffrischen. So ist die Kultur immer in der reifen Phase, das ASG steht jederzeit zur Verfügung.

Wer 1-mal pro Woche backt: ASG im Kühlschrank bei 4 °C aufbewahren. 24 Stunden vor dem Backen eine Auffrischung 1 : 2 : 2 bei 24 °C, dann den Hauptteig mit dem voll reifen ASG ansetzen. Vor der nächsten Backphase erneut eine Mini-Auffrischung 1 : 1 : 1, bevor das ASG zurück in den Kühlschrank wandert.

Wer 1-mal pro Monat backt: ASG im Kühlschrank, alle 10 bis 14 Tage eine Auffrischung 1 : 1 : 1 zur Erhaltung. 48 Stunden vor dem Backen zwei aufeinanderfolgende Auffrischungen 1 : 5 : 5 im Abstand von 12 Stunden — die Kultur braucht diesen längeren Vorlauf, um aus der Ruhephase in die Backstufe zurückzukehren.

Was im aktuellen Heft mitgeliefert wird

Wir haben für diese Ausgabe das ASG-Tagebuch als Einleger beigeheftet — eine Doppelseite mit Spalten für Datum, Uhrzeit, Auffrischungs-Verhältnis, Raumtemperatur, pH-Wert nach 4 Stunden, Beobachtungen. Wer drei Wochen lang konsequent einträgt, sieht erstaunlich klar, wie das ASG auf Wetterumschwünge, neue Mehl-Chargen oder Pausen reagiert. Diese Woche kommt das auch online unter „Werkstatt”.

Das Anstellgut ist kein Tier, aber es will wie eines behandelt werden: regelmäßig, aufmerksam, mit immer demselben Mehl und immer derselben Temperatur. Wer das schafft, hat in vier Wochen eine Kultur, die zuverlässig treibt, sauber riecht und Brote ergibt, deren Krume nach Heunoten, Joghurt und gerösteten Nüssen schmeckt. Mehr braucht ein Bäckeralltag nicht. Und mehr verspricht KRUSTE in dieser Ausgabe auch nicht.


Ressort: Sauerteig