Mehl-Type 405 vs. 1050 — was die Asche-Klassifizierung wirklich aussagt
Ausgabe № 14, Mai 2026. Warum die Zahl auf dem Mehlsack ein Asche-Wert ist, was Stein- gegen Walzmahlung im Brot ändert — und welche Mühlen wir diesen Monat empfehlen.
Auf jedem Mehlsack steht eine Zahl. 405. 550. 1050. 1370. 1700. Sie wirkt willkürlich, sie ist es nicht. Hinter dieser Zahl steckt das deutsche Mehl-Typisierungssystem nach DIN 10355 (vormals DIN 1131), und sie verrät — wenn man sie lesen kann — überraschend viel über das Backverhalten, das Aroma und den Nährwert eines Mehls. Im aktuellen Heft erklären wir, was die Asche-Klassifizierung wirklich misst, und warum gerade im Mai die Wahl der richtigen Type den Unterschied zwischen kompaktem Sonntagsbrot und luftigem Frühstücksbrötchen ausmacht.
Die Zahl ist Asche
Die Type-Bezeichnung gibt den Asche-Gehalt eines Mehls in Milligramm pro 100 Gramm Mehl-Trockensubstanz an. Type 405 bedeutet: 405 mg Asche pro 100 g Mehl, also 0,405 % Asche. Type 1050: 1050 mg Asche pro 100 g Mehl, also 1,05 %. „Asche” ist der mineralische Rückstand, der übrig bleibt, wenn man eine Mehlprobe in einem Glühofen bei 900 °C drei Stunden lang verbrennt. Was hier zurückbleibt, sind Mineralstoffe — vor allem Kalium, Phosphor, Magnesium, Calcium, Eisen — und sie sind nicht gleichmäßig im Getreidekorn verteilt.
Das Endosperm, der innere stärkereiche Teil des Korns, enthält wenig Asche. Die Randschichten — Aleuronschicht, Schalenfragmente, der Keim — enthalten viel davon. Helle Mehle wie Type 405 werden also aus dem inneren, fast reinen Endosperm gemahlen; dunkle Mehle wie Type 1050 oder 1370 enthalten zunehmend Randschicht-Anteile. Je höher die Type-Zahl, desto höher der Anteil an Schalenbestandteilen, Mineralstoffen, Ballaststoffen, Aromastoffen — und übrigens auch an Enzymen, die für Sauerteig-Fermentationen entscheidend sind.
Type 405 — das helle Backmehl
Type 405 ist das hellste deutsche Weizenmehl. Ausmahlungsgrad rund 40 bis 45 %, das heißt: aus 100 kg Weizen werden 40 bis 45 kg Type-405-Mehl gewonnen. Der Rest geht in dunklere Typen oder in den Futtertrog. Type 405 ist reich an Stärke (rund 75 %), enthält viel Kleber-Eiweiß (Gliadin und Glutenin, zusammen rund 11 bis 12 %), und liefert die helle, weich-feine Krume von Hefe-Brötchen, Hefe-Zopf, Strudelteig, Spritz- und Mürbeteig. Wer Croissants oder Brioche backt, greift hier — die hohe Stärke-Quote und der eher kurze Kleber machen die Teige weich und gut formbar.
Type 550 — der unauffällige Allrounder
Type 550 ist das, was die meisten Bäckereien als Standard-Weizenmehl verwenden. Ausmahlung rund 55 %, etwas mehr Schalenanteile als 405, dafür ein längerer und stabilerer Kleber. Für Baguette, Ciabatta, Weizen-Hefebrot mit langer Stockgare und für Pizza-Teige mit 24 bis 48 Stunden Kühlführung ist Type 550 die richtige Wahl. Wer mit Vorteigen wie Poolish (50 % Mehl, 50 % Wasser, Prise Hefe, 12 h Reifezeit) oder Biga (45 % Hydration, 18 h Reifezeit) arbeitet, sollte ein Type 550 mit hohem Eiweißgehalt (13 %) wählen — die deutsche Bezeichnung dafür ist „Weizenbackmehl Type 550 stark”.
Type 1050 — das Brot-Mehl
Type 1050 ist das klassische Brot-Mehl der deutschen Mischbrot-Tradition. Ausmahlungsgrad rund 76 bis 78 %, deutlich mehr Schalenfragmente, ein dunklerer Farbton, ein nussiges Aroma. Der Eiweißgehalt liegt bei 11 bis 13 %, die Wasseraufnahmefähigkeit ist deutlich höher als bei Type 550 — wer mit Type 1050 arbeitet, sollte die Hydration (Wasser-Mehl-Verhältnis, TA) um 3 bis 5 Punkte erhöhen, um die gleiche Teigkonsistenz zu erreichen. Für Mischbrote mit 50 % Roggen-Anteil ist Type 1050 die ideale Weizen-Komponente; das längere Sättigungsgefühl, das viele am hausgebackenen Mischbrot schätzen, kommt aus den Ballaststoffen, die in Type 1050 zwei- bis dreimal so hoch sind wie in Type 405.
Die Roggen-Familie
Beim Roggen heißen die Typen Type 815, Type 997, Type 1150, Type 1370, Type 1740. Type 997 ist das Standard-Roggenbackmehl, Type 1150 die dunklere Variante mit mehr Schalenanteilen, Type 1370 und 1740 zählen bereits zu den Vollkorn-nahen Mehlen — das letzte ist faktisch ein Roggen-Vollkornmehl mit nur leicht entferntem Keim. Für Roggen-Sauerteig ist Type 1370 die ergiebigste Wahl, weil sie eine besonders aktive Enzymflora mitbringt.
Vollkorn — jenseits der Type-Zahl
Echte Vollkorn-Mehle tragen keine Type-Bezeichnung mehr; sie heißen schlicht „Weizen-Vollkornmehl” oder „Roggen-Vollkornmehl”. Hier wird das gesamte Korn vermahlen, Asche-Gehalt rund 1,7 bis 1,9 %, Ballaststoffe rund 11 bis 13 %. Frisch vermahlenes Vollkorn-Mehl ist deutlich aromatischer und enzymaktiver als ein Mehl, das 6 Wochen im Sack lag — wer eine eigene Tischmühle besitzt (etwa Komo, Mockmill, Hawos), kennt den Unterschied.
Stein- gegen Walzmahlung
Bei der Wahl der Mühle entscheidet vor allem das Mahlverfahren über die Mehl-Eigenschaften. Steinmahlung arbeitet mit zwei Mühlsteinen, die sich gegeneinander drehen. Das Mehl wird in einem einzigen Durchgang gewonnen, dabei erhitzt es sich auf 35 bis 40 °C. Diese Erhitzung verändert die Stärke leicht (Beginn der Verkleisterung bei rund 55 °C, also noch deutlich darunter), aktiviert aber Enzyme und hebt die Aroma-Bildung. Steingemahlene Mehle haben einen leicht nussig-süßlichen Eigengeschmack, der besonders im Sauerteig zur Geltung kommt.
Walzmahlung läuft über mehrere Stufen aus Stahl- oder Porzellan-Walzen. Das Korn wird zerquetscht, gesiebt, wieder gemahlen, wieder gesiebt — bis zu zwölf Passagen sind üblich. Die Mehl-Temperatur bleibt unter 25 °C, die Backeigenschaften sind absolut konstant. Für Großbäckereien, die jeden Tag tausende Brote in identischer Qualität abliefern müssen, ist Walzmahlung die einzige praktikable Methode. Im Heim- und Hobbybereich gewinnt die Steinmahlung aktuell wieder an Bedeutung, weil das Aroma reicher ist.
Empfohlene Bio-Mühlen im Mai 2026
In dieser Ausgabe arbeiten wir mit drei Mühlen, die auch der Hobby-Bäckerei zugänglich sind:
Bauck Mühle (Niedersachsen, seit 1903): reine Steinmahlung in Demeter-Qualität. Die Type-1050-Charge vom April hat einen exzellenten Eiweißgehalt von 12,8 % und eine Wasseraufnahme von 64 %. Bezug über den Bio-Fachhandel oder direkt.
Spielberger Mühle (Baden-Württemberg, nicht Bayern — wir haben das im April-Heft falsch verortet, Korrektur): Walzmahlung mit ergänzender Steinmahlung für die Vollkorn-Linie. Das Weizen-Backmehl Type 550 ist seit Jahren das verlässliche Arbeitstier vieler Hobby-Bäcker.
Schapfen Mühle (Baden-Württemberg, Familienbetrieb seit 1452): Mischmahlung, eigene Vertragsgetreide-Flächen rund um Ulm. Die Roggen-Linie (Type 997 und 1370) gehört zu den aromatisch stärksten am deutschen Markt.
Was wir empfehlen
Für Sauerteig-Mischbrote Type 1050 (Weizen) und Type 1370 (Roggen). Für Weizen-Hefebrote und Baguette Type 550, idealerweise mit einem Vorteig. Für Frühstücks-Brötchen und Hefe-Gebäck Type 405. Für Vollkorn-Linie frisch vermahlenes Vollkorn-Mehl aus der eigenen oder einer regionalen Tischmühle.
Die Zahl auf dem Sack ist kein Marketing-Kürzel. Sie ist eine präzise Mengenangabe, und wer sie lesen kann, trifft die richtige Mehl-Wahl ohne Versuchsbrot.