Vom bösen Unternehmer und von bösen Märkten

Ist der Kapitalismus am Ende?

 

Ich möchte Sie bitten, für sich selbst einmal zu definieren, was Kapitalismus bedeutet.

Kapitalismus zu definieren als die bösen Unternehmer, die ihre Angestellten ausbeuten, ist keine korrekte Definition. Auch, dass die sogenannten Kapitalisten nur egozentrische, nach immer mehr Gewinn strebende Unmenschen seien, ist keine vernünftige Definition.

Wikipedia hilft uns da weiter:

Allgemein wird unter Kapitalismus eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verstanden, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt beruht."

 

Kapitalismus ist weithin ein negativ belegter Kampfbegriff für Marktwirtschaft.

 

Marktwirtschaft entsteht immer dann automatisch, wenn eine Gesellschaft sich von einfachen Selbstversorgerstrukturen in eine komplexe, arbeitsteilige Gesellschaft wandelt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt, wenn der Einzelne nicht mehr alle benötigten Waren und Dienstleistungen für sich selbst erzeugen kann, müssen die Menschen zwangsläufig Handel treiben. Handel ist also die logische Konsequenz aus Arbeitsteilung. Arbeitsteilung ist der einzig mögliche Weg, Waren mit der größtmöglichen Effizienz (Effizienz heißt auch Ressourcen- und Umweltschonung!) herzustellen, wenn das gesamte Wissen der Zivilisation zu groß geworden ist, als dass ein Einzelner dieses Wissen erlernen und zudem anwenden könnte.

 

Arbeitsteilung ermöglicht also erst unsere heutige, moderne Welt. Wer kann denn alles alleine?

 

Selbst so einfache Gegenstände, wie einen Bleistift oder ein Blatt Papier, würden heute von einem einzelnen Menschen, auch wenn er das Wissen über die aktuellen Produktionsmethoden hätte, nicht hergestellt werden können – von Effizienz und Ressourcenschonung, sollte er dies doch vermögen, gar nicht zu sprechen.

Arbeitsteilung bedingt also Marktwirtschaft und umgekehrt.

 

Ist die Marktwirtschaft am Ende?

 

Wenn dem so wäre, könnten wir uns keine Autos, keine Fernseher, keine Bleistifte mehr kaufen. Die Marktwirtschaft funktioniert noch – halbwegs. Täte sie dies einmal nicht mehr, hätten wir alle ein Problem. Wir fielen in ärmlichste Verhältnisse zurück, mit allen Folgen für uns und auch für die Umwelt. Ohne Marktwirtschaft, also ohne freien Handel der Menschen untereinander, müssten wir alle (wieder) für unser Überleben ausschließlich selbst arbeiten. Und wir würden (ver-)hungern.

 

Marktwirtschaft, also Kapitalismus, ist essentiell wichtig für den Erhalt und den Ausbau unseres Wohlstandes. Um die Marktwirtschaft erhalten zu können, benötigen die Teilnehmer an den Märkten das Recht auf Eigentum und die Freiheit, Handel treiben zu können.

Ohne Eigentum wäre die Motivation, etwas zu erzeugen, sehr gering. Und ohne die Freiheit, mit anderen Menschen einen Preis im Tausch für die eigenen Erzeugnisse auszuhandeln, wäre entweder die eigene Motivation zur Herstellung einer Ware gering oder die Motivation der anderen, eine Ware zu kaufen, wäre ebenso gering. Denn wenn diese Freiheit fehlt, bedeutet dies entweder eine starke Regulierung bei der Erzeugung oder des Handels oder eine Preisfestsetzung der zu handelnden Ware seitens des Staates.

 

Schlecht ist also jede unnötige Einschränkung der Marktwirtschaft.

 

Kapitalismus erzeugt Reichtum, aber keine Macht, wie oft behauptet wird.

 

Woher sollte diese Macht kommen? Niemand kann mich zwingen, mein Produkt tatsächlich zu verkaufen. Auch kann mich niemand zwingen, ein bestimmtes Produkt zu kaufen. Hersteller und Käufer haben in einer freien Marktwirtschaft immer die freie Wahl, ob sie am Markt teilnehmen oder nicht. Nur wenn die Marktteilnehmer gezwungen werden, ein bestimmtes Produkt herzustellen oder zu kaufen, verabschieden wir uns von der Marktwirtschaft und kommen in den Bereich des heute als böse verunglimpften Kapitalismus´. Das "Böse" am heutigen Kapitalismus ist nämlich die Tatsache, dass Menschen gezwungen werden, bestimmte Produkte zu kaufen oder Produkte zu einem festgelegten Preis, der jenseits von Gut und Böse liegt, zu kaufen. (Z.B. im Gesundheitswesen. Dort nehmen aber die gesetzlich Versicherten die horrenden Preise nicht wahr, weil das System sie geschickt verschleiert.)

 

Durch diese erzwungenen Preise entstehen jene "bösen Kapitalisten", die Milliardengewinne auf Kosten anderer einstreichen.

 

Woher kommt also das "Böse" am Kapitalismus?

 

Kapitalismus, also Marktwirtschaft, wird dann schlecht für die Menschen, wenn ein Markt von einer allmächtigen, übergeordneten Instanz "geschützt" wird; wir also gezwungen werden, ein Produkt zu kaufen, weil es das einzige Produkt dieser Art ist. "Geschützte Märkte" verknappen also das Warenangebot hinsichtlich der verfügbaren Menge und – noch wichtiger – hinsichtlich des Angebots vergleichbarer Produkte durch Konkurrenten, was sich enorm im Preis der zur Verfügung stehenden Ware auswirkt. Denn nur dort, wo Nachfrage auf ein vernünftiges Angebot DURCH Konkurrenz trifft, entstehen vernünftige Preise und eine maximale Effizienz, welche dem Umweltschutz und dem Ressourcenverbrauch im Allgemeinen zugutekommt.

 

Ein Kapitalismus, der ins Negative umschlägt, entsteht in jeder Hinsicht nur dann, wenn Politik mit der Wirtschaft anbandelt oder umgekehrt. Nur durch den Einfluss der Politik (also des Staates) kann "schädliche Marktwirtschaft" entstehen (Monopole, Oligopole).

Kein Unternehmen der Welt hat von sich aus oder alleine die Macht, Menschen zu zwingen, seine Produkte zu kaufen. Nur wenn die Politik (also die Menschen, die "im Namen des Volkes" Entscheidungen treffen) die Befähigung hat, ihren Bürgern und Unternehmen scheinbar rechtsgültige (Verwaltungs-)Vorschriften zu machen, die von allen unter Strafandrohung eingehalten werden müssen UND sich die Politiker durch Lobbyisten beschwatzen oder noch schlimmer: kaufen lassen und damit Gesetze erlassen, die jedes Sinns entbehren, entsteht ein unfreies Marktsegment nach dem anderen, und die Probleme nehmen zusehends ihren Lauf.

 

Keiner der beiden – weder Unternehmer noch Politiker – tragen die direkte Schuld an dem, was sie dadurch anrichten. Schuld ist das System als Ganzes. Zum Beispiel kann man einem Bundestagsabgeordneten, der ja für sein Amt BEZAHLT wird, nicht vorwerfen, dass er alles dafür tut, weiterhin Abgeordneter zu bleiben. Da werden vor der Wahl natürlich "Wahlgeschenke" gemacht, die aus ökonomischer Sicht unsinnig sind und auf der anderen Seite die Steuerlast für die Allgemeinheit stetig erhöhen.

Den Unternehmen kann man auch nicht vorwerfen, dass sie alles nur Mögliche dafür tun, ihr Marktsegment, so gut es eben geht, von Konkurrenten frei zu halten. Unternehmer sind logischerweise die Marktteilnehmer, die am wenigsten begeistert sind von Wettbewerb: Wettbewerb ist hauptsächlich für den Konsumenten ein Segen. Je mehr aber die Politiker durch Vorschriften die Konkurrenz erschweren, desto teurer und auch schlechter werden die Produkte, die am Ende dem Konsumenten noch zugänglich sind.

 

Keinem dieser Teilnehmer kann man einen echten (rechtlichen) Vorwurf machen (wenn auch einen moralischen): Die Unternehmer versuchen nur, sich vor der Konkurrenz zu schützen. Die Politiker versuchen nur, im Amt zu bleiben. Das System ist so konstruiert.

 

Das jetzige System bedingt langfristig die Verwerfungen, die heute als "böser Kapitalismus" verschrien werden.

 

Eines aber sollte klar sein: Marktwirtschaft ist eine natürliche Entwicklung in der Geschichte unserer Zivilisation. Sie ist notwendig für unser aller Überleben. Sie zu regulieren oder gar abzuschaffen, bedeutet massiven Wohlstandsverlust (siehe DDR) bis hin zum Hunger.

Das politische System hingegen könnte man ohne Weiteres verändern hin zu einem Status, der es den Politikern nicht mehr erlaubt, mit den Großkonzernen zu "kuscheln". Dadurch schwindet nicht ein Funke Wohlstand, im Gegenteil: Wir alle würden dadurch gewinnen.

 

Wer das nun nicht glauben mag, der stelle sich nur einmal vor, was passierte, wären morgen plötzlich alle Unternehmen verschwunden. Und danach, was wäre, wenn morgen alle Politiker verschwunden wären.

 

 

Kommentare

sehr interessanter Artikel Herr Stahl, sie schreiben: "Ein Kapitalismus, der ins Negative umschlägt, entsteht in jeder Hinsicht nur dann, wenn Politik mit der Wirtschaft anbandelt oder umgekehrt".
Aber entsteht nicht auch schädlicher Kapitalismus, wenn sich große Unternehmen den Markt aufteilen und kleinere zB durch Bindung des Handels mit langfristigen Verträgen am entstehen hindern? Vielleicht ist Ihnen das nicht bekannt, aber die großen Supermarktketten verlangen von ihren Lieferanten Millionensummen, damit diese übehaupt liefern dürfen.

Und als 2te Frage, wie passt denn der politische Einfluss mit der Ölindustrie zusammen, die ja nun offensichtlich ein (Welt-)Kartell darstellt?

Ich danke schonmal für die Mühe und Zeit zur Beantwortung meiner Fragen.
Macht weiter so! Die pdv gefällt mir.

Bild des Benutzers Thomas Stahl

Hallo, schön, dass Ihnen die PDV gefällt und der Artikel Interesse geweckt hat. smiley

Eine erschöpfende Antwort auf die erste Frage würde wohl viele Seiten füllen. Da spielen viele Teilbereiche zusammen. Ich versuchs in Kurzform mit einer Gegenfrage: Wie kommt es, dass Unternehmen überhaupt so groß werden, dass sie ein Marktsegment untereinander aufteilen können? Konkret gibt es dazu zwei Antwortmöglichkeiten: Entweder sind diese Unternehmen so groß geworden, weil sie extrem erfolgreich waren im Vergleich zur Konkurrenz (Bei dem großen Discounter mit dem A vorne dran war das wahrscheinlich so. Wobei ich die Geschichte dieses Unternehmens nicht genau kenne und jetzt auch nicht nachrecherchiert habe. A hat meines Wissens als erstes Unternehmen eine solche Discountkette aufgebaut und damit lange konkurrenzlos günstig sein können.) oder sie waren als mittleres Unternehmen extrem gut im politischen Umfeld (Spenden an Parteien bei Begünstigungen oder was weiß ich, was da laufen kann, wenn man erfinderisch ist und Kontakte hat. Das war wohl beim A ab einem gewissen Zeitpunkt auch der Fall.) Beim ersten Fall spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, wenn ein Unternehmen "den Nerv der Zeit trifft" und damit groß wird. Große Unternehmen sind aber in der Regel nicht so flexibel und anpassungsfähig wie kleinere. Kleine Unternehmen können viel flexibler auf veränderte Umstände reagieren und haben - wenn die Großen sich nicht der Politik und indirekt der Gesetzgebung bedienen - einen großen Vorteil gegenüber den Großen. Natürlich gibt es da auch Ausnahmen, wo dieses Beispiel nicht unbedingt greift. Bei den Discountern liegt das Problem meiner Meinung nach noch tiefer: Die Menschen MÜSSEN mittlerweile "billig" einkaufen. Die Masse kann sich hochwertigere und damit teurere Produkte nicht mehr leisten. (Da sind wieder andere Ursachen tragend) Daher haben die Discounter einen immensen Vorteil in unserem heutigen System und können indirekt die Not der Menschen gegen ihre Liferanten ausspielen.

Was ich so nicht nachvollziehen kann, ist allerdings die Aussage, dass Lieferanten Millionensummen zahlen müssen um dort beliefern zu können. Wie soll das genau gehen? Und wer würde das machen? Unterm Strich werden die Lieferanten doch noch Geld an der Lieferung verdienen, sonst würden sie es ja nicht machen... gibts dazu einen Link, wo das genauer beschrieben wird? Gegen langfristige Verträge spricht erstmal nichts, das gibt Planungssicherheit bei beiden Unternehmen.

Zur zweiten Frage:

Das Öloligopol wird von der Politik extrem geschützt, weil die gesamte Wirtschaft vom Öl abhängig ist. Auch dort wird man, wenn man die Entwicklung der "sieben Schwestern" recherchiert, darauf stoßen, dass die großen Ölkonzerne nur mit Hilfe von staatlichen Interventionen (meist durch Kriege) so groß wurden. Energie ist logischerweise extrem wichtig für jeden modernen Staat, daher wurde da gerne nachgeholfen. Dazu kommt auch noch die Geschichte mit dem Petrodollar. D.h. die USA haben ein ganz gewaltiges Augenmerk darauf, dass alles möglichst so bleibt, wie es ist: Öl wird (meistens noch) global in Dollar fakturiert, dafür bekommen die großen Ölstaaten einen gewissen Schutz zugesprochen. Gibt fundierte Literatur dazu, ich komm aber gerade nicht auf den Titel.

Also meines Wissens nach (Kontakte in die Branche) ist das bei den großen Lebensmittelketten bei einigen Produkgruppen duchaus üblich, das sich die Ketten ihre Lieferanten aussuchen können (was ja auch gut ist), jedoch sind die langfristigen Verträge anscheinend so begehrt, das da riesige Summen fließen, um Lieferant bleiben zu können, was allerdings schon dafür spricht, das diese Kreise eine marktbeherrschende Position inne haben. Das ist meiner Meinung nach bei Lebensmitteln durchaus bedenklicher als bei anderen Branchen.

Sehr interessant ihr Stichwort "seven Sisters", das werde ich mal weiter verfolgen.

Vielen Dank.