Ein Mann - Ein Wort! - Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter über den Liberalismus

Es war einer dieser ersten merklich kühlen Herbstabende an jenem 10. Oktober anno 2013 als ich – am Vortag mein zwölftes Lebensjahr vollendet – meinen Vater in dessen Bibliothek im Dachgeschoss aufsuchte. Er verbrachte viel Zeit dort oben. Dreimal in der Woche, nach dem gemeinsamen Abendessen in unserer Familie, wenn mein Vater sich mit seiner Pfeife, die verlässlich nach Vanille duftete und einer Kanne frischen Pfefferminztees, voller Freude für einige Stunden in den Raum zurückzog, den er liebevoll „das Zimmer der großen Geister“  nannte, tauchte er ab in eine Welt, die er nach sorgfältigem Studium uns allen zu passender Stunde zur Verfügung stellte. Schon früh hatte ich gelernt, dass die Vergangenheit einer der besten Lehrmeister ist und es sehr viel weniger Leid auf der Welt geben würde, wenn wir nicht darauf bestehen würden, die gleichen Fehler immer wieder zu machen und dennoch ein anderes Ergebnis zu erwarten.

Dieser Oktoberabend schien mir ein besonderer Abend zu sein. Mein Vater wirkte seit einiger Zeit bedrückt, fast schon traurig, so als würde er sich um seine Familie große Sorgen machen. Er war an diesem Abend schweigsam, kein schelmisches Grinsen auf dem Gesicht, kein übliches, liebevolles „Gezänk“ am Abendbrottisch. Es war viel zu ruhig! Eine besondere Stimmung nahm von mir Besitz; der unbedingte Wunsch, den Grund hierfür herauszufinden trieb mich noch schneller als üblich die Stufen hinauf. Wie immer stand die Tür weit offen und mein Vater breitete seine Arme aus, so dass ich mich an ihn kuscheln konnte, während er in seiner Lektüre versank. Es waren diese perfekten Stunden, Stunden, die mir unendlich viel bedeuteten. Auch an diesem Abend, ein Abend, wo wir beide das Gefühl hatten, nicht nur wegen der einsetzenden äußeren Kälte eine warme Decke zu benötigen, wurde aus seinem stillen Lesen ein Gespräch zwischen uns über das, was er dort las.

Ich werde diesen 10. Oktober niemals vergessen, so eindringlich war das, was mein Vater mir von  diesem Abend an beibrachte. Aufmerksam lauschte ich seinen Worte: “Nach liberaler Auffassung besteht die Aufgabe des Staatsapparates einzig und allein darin, die Sicherheit des Lebens und der Gesundheit, der Freiheit und des Sondereigentums gegen gewaltsame Angriffe zu gewährleisten. Alles, was darüber hinausgeht, ist von Übel. Wenn grundsätzlich der Mehrheit der Staatsangehörigen das Recht zugestanden wird, einer Minderheit die Art und Weise, wie sie leben soll, vorzuschreiben, dann ist es nicht möglich, bei dem Genusse von Alkohol, Morphium, Opium, Kokain und ähnlichen Giften Halt zu machen.

Warum soll das, was für diese Gifte gilt, nicht auch von Nikotin, Coffein und ähnlichen Giften gelten? Warum soll nicht überhaupt der Staat vorschreiben, welche Speisen genossen werden dürfen, und welche, weil schädlich, gemieden werden müssen? Auch beim Sport pflegen viele mehr zu tun als es ihre Kraft erlaubt. Warum soll nicht auch hier der Staat eingreifen? Die wenigsten Menschen wissen in ihrem Liebesleben Maß zu halten… Soll nicht auch hier der Staat eingreifen? Noch schädlicher als alle diese Genüsse aber, werden viele sagen, ist die Lektüre von schlechten Schriften. Soll man einer auf die niedrigsten Instinkte des Menschen spekulierenden Presse gestatten, die Seele zu verderben? Soll man die Schaustellung unzüchtiger Bilder, die Aufführung schmutziger Theaterstücke, kurz all die Verlockungen zu Unsittlichkeit nicht hindern? Und ist es nicht die Verbreitung falscher Lehren über das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen und Völker ebenso schädlich?...

…Wir sehen, sobald wir den Grundsatz der Nichteinmischung des Staatsapparates in alle Fragen der Lebenshaltung des einzelnen aufgeben, gelangen wir dazu, das Leben bis ins Kleinste zu regeln und zu beschränken. Die persönliche Freiheit des einzelnen wird aufgehoben, er wird zum Sklaven des Gemeinwesens, zum Knecht der Mehrheit. Man braucht sich gar nicht auszumalen, wie solche Befugnisse von böswilligen Machthabern mißbraucht werden könnte. Wenn man der Mehrheit das Recht gibt, der Minderheit vorzuschreiben, was sie denken, lesen und tun soll, dann unterbindet man ein für alle Male allen Fortschritt.“

Mein Vater beobachtete meine Reaktion und fuhr dann fort: „Jedermann wird es verstehen, daß der Arzt dem Kranken empfiehlt, auf die Annehmlichkeit, die der Genuß (einer) schädlichen Speise gewährt, zu verzichten, um die Schädigung des Körpers zu meiden. Doch im gesellschaftlichen Leben will man es anders haben. Wenn der Liberale bestimmte volkstümliche Maßnahmen widerrät, weil er von ihnen schädliche Folgen erwartet, dann schilt man ihn volksfeindlich und preist den Demagogen, der ohne Rücksicht auf die späteren Folgen das empfiehlt, was im Augenblick zu nützen scheint.“

Obwohl ich noch sehr jung war und vieles für mich, was in der Welt damals um mich herum geschah, zwar ein unbestimmtes Gefühl des Unwohlseins auslöste, ich dieses aber nicht vollständig zuordnen konnte, wurde ich bei den Zeilen, die mein Vater mir vorlas, auffallend hellhörig. Er fuhr fort: „Die antiliberale Politik ist Kapitalaufzehrungspolitik. Sie empfiehlt, die Gegenwart auf Kosten der Zukunft reichlicher zu versorgen.  Das ist ganz dasselbe, was sich im Fall des Kranken, von dem wir gesprochen haben, begibt; in beiden Fällen steht einem reichlicheren Genuß im Augenblick schwerer Nachteil in der Zukunft gegenüber. Wenn man angesichts dieses Dilemmas davon spricht, daß Hartherzigkeit gegen Philantropie steht, dann ist man unehrlich und verlogen. Dieser unser Vorwurf richtet sich nicht nur gegen die Politiker des Alltags und gegen die Presse der antiliberalen Parteien. Nahezu alle „sozialpolitischen“ Schriftsteller haben sich dieser unehrlichen Kampfweise bedient.“

Aus meinem kindlichen Verständnis heraus wurde mir die Tragfähigkeit dieser Zeilen bewusst und ich fragte meinen Vater nach der Quelle. „Nun“, sagte er „dieser Text stammt von Ludwig von Mises aus seinem Buch Der Liberalismus, welches 1927 erschienen ist und dessen Todestag sich heute zum vierzigsten Mal jährt. Er war einer der ganz wenigen Volkswirtschaftler, der dem Liberalismus gut gesonnen, ja diesen sogar mit aller Hingabe verteidigt hat und dies zu einer Zeit als die Welt die Befürworter einer freien Gedankenwelt im besten Fall ignorierten, im schlimmsten Fall mit dem Tod bestraften.“

Ich war sprachlos - all das, was ich da auszugsweise zu hören bekommen hatte, passte für mich überhaupt nicht in das Bild, was mir im Allgemeinen gezeichnet wurde. In der Schule wurde mir beigebracht, dass liberal denkende Menschen immer und ausnahmslos Egoisten sind, die außer ihrem eigenen Wohl nichts anderes im Blick haben; Menschen, die verachtenswert sind, weil sie ihr eigenes Leben nicht geringer einschätzen als das der anderen. Menschen, die nur am Geldscheffeln interessiert sind und durch ihre Gier neben der Wirtschaft auch jede Moral zerstören. Menschen, die rücksichtslos zu ihrem eigenen Vorteil anderen schaden und nur diejenigen für den Liberalismus eintreten, für die jegliche Ethik ein Fremdwort ist.

Ich habe das schon damals nicht verstanden, bedingt doch das Wort „Freiheit“ grundsätzlich etwas Positives. Für mich war es merkwürdig, dass das Glück der Welt darin liegen sollte, dass wir alle die gleichen Bedürfnisse und Wünsche haben und sicher zufriedener seien, wenn fremde Menschen in Megazentralen für uns Entscheidungen treffen. Ich begriff nicht, warum eine Behörde mit 50.000 Mitarbeitern, von denen wahrscheinlich die meisten niemals in ihrem Leben ein Unternehmen erfolgreich geführt oder in verantwortlicher, persönlich haftender Position gewesen sind, der Meinung sein konnten, einem Kontinent mit 500 Millionen Menschen zu ihrem Glück zu verhelfen.

Mir war nicht klar, wieso die Menschen einer anonymen Behörde mehr vertrauten als sich selbst und warum sie sich nicht mit Händen und Füßen wehrten, wenn ihre Interessen wie auf einem Bazar weit unter Preis verramscht wurden.

Mir fiel auf, dass ich mich irgendwann nicht mehr getraut habe, diese Fragen zu stellen. Selbst meine Mitschüler beschimpften mich, ich sei „rechts“ und sahen mich an, als hätte ich eine ansteckende, tödliche Krankheit. In diesem Moment nahm ich mir vor, meine Eltern bei nächster Gelegenheit darum zu bitten, mir zu erklären, warum links besser als rechts sein soll und warum ich so wenig darüber lese, welches Unrecht – verursacht durch andere Völker - überall auf der Welt geschieht und so viel über das Unrecht, was in diesem Land selbst lange vor der Geburt meiner Eltern passiert ist.

Ich war zutiefst verwirrt; meine Eltern hatten zwar immer Ihr Bestes gegeben, mich zu einem selbstbewussten, eigenständigen und verantwortungsvollen Leben zu ermutigen, aber ich stellte fest, dass die dauerhaften Beschallungen des genauen Gegenteils durch mein sonstiges Umfeld mich doch ziemlich für sich eingenommen hatten. Die Aussicht auf ein moralisch einwandfreies, „sinnvolles“ und korrektes Leben, dass mir gewiss sei, wenn ich meine persönliche Freiheit (natürlich nur zu meinem Besten) einschränken und der weitest gehenden Aufgabe meiner Interessen zum Wohle der Allgemeinheit zustimmen würde, erschien mir sehr verlockend.

Ich begann mich ernsthaft zu fragen: „Ist es vielleicht gar nicht so moralisch einwandfrei, was mir da eingeredet wird? Gebe ich mein Leben in die Hände derjenigen, die an meinem Wohlergehen überhaupt gar nicht interessiert sein können? Deshalb nicht daran interessiert sein können, weil es ihren eigenen Interessen komplett zuwiderläuft und sie emotional nicht im Geringsten an mir hängen? Was wäre, wenn ich für dumm verkauft und die Freiheit verteufelt wird, um mich besser kontrollieren zu können? Wenn ich auf salbungsvolle Worte hereinfalle und in mein eigenes Verderben laufe? Wenn ich nicht erkenne, dass das ausgesprochene Verbot, was mir heute noch in den Kram passt, morgen eines sein kann, was mir schadet?

Ziemlich verloren muss ich wohl auf meinen Vater gewirkt haben, der mir versprach, mich in den nächsten Tagen noch viel mehr verwirren zu wollen. Nach einer Nacht und einem Tag, der mir blieb, um mich auf das Kommende vorzubereiten.

Dies ist der erste Teil einer Serie, die in respektvoller Erinnerung an den herausragenden österreichischen Ökonomen Ludwig von Mises (1881 – 1973) in den nächsten sieben Gesprächs-Tagen erscheint.

Zweiter Teil: Ein Mann - Ein Wort! - Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter über die Österreichische Schule der Nationalökonomie

Dritter Teil: Ein Mann - Ein Wort! - Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter über die Freiheit und den Frieden

Vierter Teil: Ein Mann - Ein Wort! - Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter über die Gleichheit vor dem Recht

Fünfter Teil: Ein Mann - Ein Wort! - Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter über die Sozialpolitik

Sechster Teil: Ein Mann - Ein Wort! - Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter über billiges Geld

Siebter Teil: Ein Mann - Ein Wort! - Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter über die Feinde der Freiheit